Liveregie in Zeiten von Corona

Das Publikum feiert bei sich zu Hause

Die Corona-Pandemie zieht sich durch jede Bevölkerungsschicht, durch alle Branchen der Industrie, hat Einfluss auf alle Freiberuflichen, Kreativen, Selbstständigen – auf alle.
Umso bedeutender ist es, dass es sich das hiesige radio 98eins sowie das Sozio-Kulturelle Zentrum St. Spiritus in Greifswald zur Aufgabe gemacht haben, die Kultur in diesen Zeiten nicht versiegen zu lassen. Klar, Zuschauer zu Live-Konzerten wird es nicht geben. Dafür aber etwas, das man derzeit öfters beobachten kann: Es ist alles wie immer: Bühne, Amps, Künstler, Gitarren, Schlagzeuge. Zuschauer? Nein, die nicht. Zumindest nicht vor der Bühne. Dank Liveregie aber hinter diversen Displays.

Liveregie im St. Spiritus, Greifswald, 30. April 2020
Boogie Trap, Liveregie im St. Spiritus, Greifswald, 30. April 2020

Bestimmen, wie andere Musik erleben

Ich mache Liveregie. Das beutetet, dass ich quasi direkt vor der Bühne an einem Tisch zusammen mit einem Kollegen sitze und die Bilder, die unsere Kameras einfangen, steuere, über- und einblende und koordiniere, wie der Zuschauer zu Hause das Konzert erlebt. Und das sind tatsächlich einige:
Just bei der Band KRACH schauten rund 1300 Leute zu. Ein Vielfaches der Personen, die sonst normalerweise im St. Spiritus vor der Bühne stehen und die Musik genießen würden. Und ich muss nun herausfinden, wie diese 1300 Menschen das Konzert erleben. Klar, dieser Herausforderung sehen auch Videotechniker und Liveregisseure bei regulären Konzerten entgegen, schließlich können die Zuschauer im Berliner Olympiastadium gerade mal erahnen, was vorne auf der Bühne abgeht – und das auch nur, wenn’s gut läuft. Da helfen dann zumeist riesige Leinwände, die einen besseren Eindruck von dem Vermitteln sollen, was da unten irgendwo vor sich geht. Aber zurück ins St. Spiritus hier in Greifswald.

Neuland? Nur ein bisschen

Tatsächlich sah ich mich bei meinem ersten Mithelfen Anfang April auch zum ersten Mal mit Liveregie konfrontiert. Aber ich kannte das Programm, ich wusste, wie man Kameras umgegangen werden muss, wie Bildausschnitte gesetzt werden müssen und wie alles verkabelt werden muss. Der Prozess des tatsächlichen Regie-Führens war dann aber sehr learning-by-doing und mit wirklich jeder Woche kommen neue Erkenntnisse hinzu, die den Livestream schlussendlich auch besser machen. Das liegt nicht zuletzt daran, das ich das Privileg habe, mit sehr talentierten Leuten zu arbeiten: einem Ton- und Lichttechniker mit langjähriger Erfahrung, einem Kollegen der Mediengestaltung, der ein guter Freund von mir ist, dem Übertragungsteam von radio 98eins, die ebenfalls langjährige Freunde und Kollegen sind und nicht zuletzt die Anwesenden vom St. Spiritus selbst, die immer mit einem kritischen Auge einen Blick auf unser Schaffen werfen.

KRACH im St. Spiritus, Foto von Michele-André Otto

Ein Privileg in diesen Zeiten

Live Musik zu erleben, danach sehnen sich viele. Auch aus meiner Familie. Dass nun ausgerechnet ich, der sich erst sehr spät zur Musik bekannte und sie dann auch zu schätzen wusste, nun in der Lage bin, zu diesen Zeiten tatsächlich Musiker mit eigenen Augen beim Musizieren zusehen zu können, grenzt etwas an Ironie. Dennoch bin ich sehr froh darüber, dass ich diese Gelegenheit bekomme und gleichermaßen vielen anderen Menschen da draußen die Möglichkeit gebe, ein bisschen Normalität zu sehen, zu hören.

Was noch kommt: Ein Großprojekt

Eine Stunde lang seine volle Aufmerksamkeit auf das Lenken von Bildern zu richten, geht nicht ohne Spuren an einem vorbei. Es verlangt höchste Konzentration und eine schnelle Auffassungsgabe, um eventuelle technische Probleme gekonnt zu umschiffen. Am 21. Juni steht nun die digitale Fête de la musique ins Haus, ein Herzensprojekt des radio 98eins und des St. Spiritus. 14 Stunden Stream, 12 Acts, die auf jener Bühne spielen, die wir bereits wöchentlich in 1300 Heime streamen. Wir haben Sponsoren, wir haben die Location, die Künstler, die Sponsoren. Die Manpower? Vielleicht? Mit begrenzter Anzahl an Kollegen gilt es in rund 4 Wochen, 14 Stunden lang mehrere tausend Menschen zu unterhalten. Es wird eine Herausforderung. Aber eine spaßige. Und auch eine lehrreiche, da bin ich mir sicher!

Nachtrag Oktober 2020: Die Fête de la Musique 2020 lief schon vor einigen Monaten sauber über die Bühne. Ein genauer Bericht zur Veranstaltung entsteht derzeit, seid gespannt!

moritz Verfasst von:

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